Stadt gehört allen!

Käse oder Miete zahlen? Das ist hier die Frage!
Viele von uns, in Oldenburg und überall sonst in der Welt, wissen zur Mitte des Monats nicht mehr, wie sie mit dem bisschen Geld vom Amt oder aus dem prekären Job ihre Kühlschränke füllen sollen – unter anderem, weil der Großteil unseres Budgets für Miete draufgeht. Wenige andere streichen die überhöhten Mieten ein oder lassen „ihre“ Häuser leerstehen und vergammeln, statt Menschen drin wohnen zu lassen. Und mit der Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus vor 20 Jahren hat sich die Situation nicht gerade verbessert. Wir haben keinen Bock mehr, das ganze Geld für dauernd steigende Miete rauszuwerfen. Statt uns nun Hausfriedensbruch vorwerfen zu lassen, sollten wir die Hausbesitzer_innen lieber fragen, mit welchem Recht ihnen das Haus „gehört“.

Wir füllen nun ein ungenutztes Haus mit Leben. Wir wollen kollektive, solidarische Formen des Wohnens und Zusammenlebens – jenseits von Prekarisierung und Individualisierung. Und: Wir wollen mehr als in irgendwelchen GSG-Sozial-Wohnungen am Arsch der Welt zu überleben. Es geht uns nicht nur um das ob, sondern auch das wie wir wohnen.

Das Handelsblatt feierte Oldenburg am 23.01.2010 als den „Geheimtipp“ für Unternehmen und Vermieter_innen, also als die „wirtschaftsfreundlichste Stadt Deutschlands“. Laut Handelsblatt ist das Verhältnis von Kaufpreis zu Mietertrag ebenfalls das beste Deutschlands. Da freut sich der Immobilienspekulant: Die Mieten sind kontinuierlich gestiegen. Die Frage drängt sich auf: Wer profitiert denn davon? Was das Handelsblatt und seine geneigten Leser_innen hier feiern bedeutet für die meisten, dass sie monatlich noch weniger Kohle zum (Über-)Leben haben, sie in irgendwelche Randbezirke ziehen müssen oder sich einfach gar keine Wohnung mehr leisten können. Andere „entschließen“ sich für ein Leben auf der Straße. Wieder andere versuchen sich mit stillen Besetzungen ein Dach über dem Kopf zu organisieren. Auch in Oldenburg leben zahllose Menschen vorübergehend oder dauerhaft in leer stehenden Häusern, immer in der Angst irgendwann entdeckt zu werden und wieder ohne Wohnung dazustehen.

Miete zahlen ist nicht sehr sexy
Auch die Lokalpolitik – allen voran unser OB Schwandner – richtet ihre Interessen nicht am Wohl der Menschen, sondern am Profit aus. Die Shoppingmall ECE-Center… ähm, Schlosshöfe machen uns dabei mehr als deutlich, was die Ausrichtung der Stadtpolitik ist: Es geht um Kommerz – Treffpunkte jenseits von Shopping und Konsum haben in der Vorstellungswelt von OB Schwandner und Co. keinen Platz und passen nicht ins Bild des „Unternehmens Marke Oldenburg“. Letzterer sieht die Qualitäten Oldenburgs neben dem gemütlichen Großstadtflair in „Urbanität, Modernität und Sexappeal“. Trotz offensichtlicher Wohnungsknappheit hält es die Stadt Oldenburg offensichtlich für angebrachter ein neues Viertel, die Wasserstadt, für die „kreative Elite“ zu planen und damit etwa die Wagenburg zu vertreiben, als bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen. Dass jemand leere Kühlschränke, am Stadtrand wohnen oder Konsum und buntes Waren-Bling-Bling als sexy empfindet, finden wir zwar komisch, wollen es aber niemandem absprechen. Dass dieser jemand aber als Oberbürgermeister maßgeblichen Einfluss auf die Stadtpolitik hat, halten wir für gefährlich.

„Urban, modern und sexy“ soll Oldenburg nur für diejenigen sein, die es sich leisten können. Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Statt einer weiteren Yuppie-Boutique, einem Zeitarbeitsbüro oder so „erfolgreichen“ Projekten wie den Schlosshöfen wollen wir einerseits nicht-kommerzieller Kultur einen Ort geben, sei es ein bezahlbares Kino, Konzerte, einfach einen warmen Ort zum Rumsitzen, ohne den Zwang sich jede halbe Stunde einen sauteuren Café Latte zu bestellen. Andererseits wollen wir aber auch offene Werkstätten oder soziale Zentren, in dem Selbstorganisierung von unten stattfinden kann, schaffen. Vor allem wollen wir aber einen Wohnraum erkämpfen, in dem wir zentral wohnen und solidarisch miteinander Leben organisieren können. Und den wollen wir nicht nur für uns!
Uns ist klar, dass wir es „uns leisten können“ für alle sichtbar ein Haus zu besetzen. Wir sind Menschen, die über die Möglichkeiten verfügen, auch woanders zu wohnen, die ein bisschen Geld haben, wir müssen nicht befürchten wegen eines Strafverfahrens abgeschoben zu werden, wir haben soziale Netzwerke, die Repressionen, Wohnungslosigkeit und finanzielle Probleme wenigstens teilweise auffangen können. Deshalb fordern wir diesen Wohnraum auch für diejenigen, für die eine öffentliche Besetzung eine Gefährdung ihrer Existenz bedeuten würde.

Ein gutes Leben für alle?
Nächstes Jahr wird das Abschiebelager Blankenburg geschlossen. Seit über zwei Jahrzehnten müssen hier Menschen unter beschissenen Bedingungen leben. Während sich die Bewohner_innen mit anderen die winzigen Zimmer teilen, ohne Küche und eigenes Bad, ohne nennenswerte Anbindung an die Stadt, ohne Privatsphäre und in ständiger Angst vor Abschiebung, gammeln in Oldenburg die leeren Häuser vor sich hin. Jetzt muss sich die Stadt um neue Unterbringungsmöglichkeiten kümmern. Die kurzzeitig angestellte Überlegung der Stadtverwaltung, das heute noch dem Land unterstehende Lager Blankenburg selbst anzumieten und weiter zu nutzen, lässt nichts Gutes ahnen. Die Zurverfügungstellung dezentraler Unterkünfte verbunden mit der Ermöglichung freier Wohnortwahl scheint also weiterhin kein Thema für die Stadt zu sein. Statt leere Häuser zur Verfügung zu stellen, wird von einigen weiter nach Unterkünften gesucht, die geeignet sind, die Bewohner_innen irgendwo außerhalb der Stadt zu isolieren.

Das ist aber noch lange nicht alles. Ständig sind viele Bewohner_innen des Lagers und andere nicht den Stereotypen entsprechende Menschen schikanösen Kontrollen ausgesetzt und werden mit Aufenthaltsverboten von bis zu einem Jahr Dauer aus der Innenstadt vertrieben. Diese soll zur reinen Konsummeile werden, alle die sich dort nicht zum Shoppen aufhalten, passen nicht in die Vorstellung von Schwandner und Co. Denn: „Sauber und sicher“ soll es sein. Und um die Kontrolle aller unliebsamen Besucher_innen zu perfektionieren, sollen in den nächsten Wochen auch noch Kameras an Lappan und Lefferseck installiert werden.

Wir sind nicht alleine!
Wir sind dabei solidarisch mit allen, die durch Aneignung die Verteilung des Reichtums ein Stück weit gerechter machen. Wenn Landlose in Brasilien brachliegendes Land der Großgrundbesitzer besetzen, wenn 3000 Papierlose, also illegalisierte Migrant_innen, in ein Haus in der Pariser Innenstadt ziehen, um dort das „Ministerium für die Legalisierung aller Papierlosen“ zu gründen, dann nennen sie das Diebstahl. Wenn argentinische Arbeiter_innen schließende Fabriken besetzen und selbstverwaltet weiterbetreiben, wenn Frauen in Oldenburg nachts in der Innenstadt demonstrieren, um sich zumindest kurzfristig einen kleinen Freiraum von dummen Anmachen und Patriarchat anzueignen, dann nennen sie das Nötigung. Wenn Mittellose, die die steigenden Mieten kaum noch bezahlen können, sich Wohnraum aneignen, indem sie ein Haus besetzen, dann nennen sie das Hausfriedensbruch. Wir nennen es Aneignung – und sehen darin einen kleinen Schritt in Richtung gutes Leben für alle!

Alle, die wie wir für ein gutes Leben für alle kämpfen wollen, die keinen Bock mehr haben, würdelos am Existenzminimum rumzukrebsen, die keinen Bock haben ihrem_r Vermieter_in jeden Monat die sowieso knappe Kohle in den Rachen zu werfen; alle, die genug davon haben, täglich auf dem A-Amt oder der Ausländerbehörde schikaniert zu werden, die keinen Bock mehr darauf haben immer nach der Laune ihres_r Vorgesetzten zu springen, sind herzlich eingeladen bei uns vorbeizukommen oder aufgefordert, sich selber eins der zahlreichen leerstehenden Häuser anzueignen. Uns geht es dabei nicht nur darum, uns einen kleinen Freiraum von der ganzen Scheiße zu erkämpfen. Was wir mit der Besetzung wollen ist uns in die Prozesse in Oldenburg aktiv einzuklinken. Und nicht zuletzt, um damit die Frage zu stellen: Wem gehört die Stadt?

Die Häuser denen, die sie brauchen!
Gegen steigende Mieten!
Für unkommerzielle Räume!

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One Response to Stadt gehört allen!

  1. Hector says:

    Schöne Sache. Weiter!

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